Evessen     

5 Lucklum

Lucklum 

 

Das Herrenhaus im Frühjahr 2008Von Evessen kommend fahren wir anschließend weiter auf der Hauptstraße Richtung Braunschweig und biegen nach gut einem Kilometer rechts ab nach Lucklum.

 

 

 

Lucklum wurde 1051 unter dem Namen Lucgenheim gegründet. 1263 errichtete hier der Deutsche Ritterorden(1) eine Landkommende (Einheit der Ordensverwaltung) als Sitz der Ballei Sachsen (Ober- und Niedersachsen). 1281 wurde das Anwesen zu einer Burg umgebaut. Der jetzige Kirchturm diente früher als Wehrturm(2). 1809, nach Aufhebung des Ordens durch Napoleon, wurde die Anlage 1811 an den Amtmann Wahnschaffe verkauft. Von der Burg stecken nur noch Reste von den im 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) zerstörten und von Daniel Priort erneuerten Gebäuden.

 

 

 

 

Lucklum, Stich von Merian im Jahr 1654Das in der Kirche Priort darstellende Alabasterstandbild(3) von 1683 hält die einzig erhaltene Die Landkommende Lucklum, Luftaufnahme aus dem Jahr 1960Ordensfahne in der Hand und wird umgeben von 43 auf Metallplatten gemalten Wappenschilden aller Ritter, die bis 1804 in den Orden aufgenommenen wurden.

Auffällig ist, dass weder eine Apsis noch ein Chor zu finden sind. Der rechteckige Raum lässt vermuten, dass die Kirche auf den Grundmauern eines ursprünglichen Wehrturms errichtet wurde.

Die gesamte Ausstattung der Kirche samt Kruzifix(4) erfolgte durch den Nachfolger Priorts, Friedrich Maximilian von Stayn, und gehört überwiegend in die Zeit um 1700.

Staunend betrachten wir die Decke mit ihren 24 Kassetten-feldern und die zahlreichen Bildfelder an der Kanzel und den Emporen(5). Sie alle zeigen überraschend keine religiösen Motive. „Sie haben keinen erbauenden Sinn, sondern sind Moral- und Gotteslehren, christliches Gedankengut in aufgeklärter Form. Das Ganze ist ein Werk rationalistischen Geistes, ein Art Vor-Aufklärung mit den Bildmitteln barocker(6) Zeichensprache“ (aus Deutschordenskommende Lucklum von Christof Römer). Und somit ist es nicht überraschend, z.B. vor der Abbildung einer Weinpresse zu stehen.

 Lucklum, KircheIm Park befindet sich dieser von der Wabe gespeiste Teich.

Und es ist unvergesslich, ein Konzert auf der um 1800 errichteten Orgel mit zu erleben.

 

Übrigens setzte der spätere Landkomtur Otto Dietrich von Bülow sich schon zu Lebzeiten sein in der Kirche erhaltenes Grabmal. Nach seinem Tod musste nur noch das Sterbedatum ergänzt werden. Loriot (Wum und Wendelin), auch einer derer von Bülow, lässt grüßen.

 

In dem von Freiherr Grote und Christof von Hardenberg von 1732 bis 1753 eingerichtetem Rittersaal  erinnern noch 57 hochwertige Ölbilder an den Orden und das Welfenhaus. Neben den Braunschweiger Fürstenpaaren Herzog Anton Ulrich (gestorben 1714) bis Herzog Karl Wilhelm Ferdinand (gestorben 1806) und die Lucklumer Komture von Priort (gestorben 1684) bis Phillip Otto Münchhausen, der 1809 abdanken musste, sind hier alle vertreten. Lucklum, Kirche

 

Vom Rittersaal sind noch ein Billardzimmer mit „arsenhaltigen“ Tapeten und ein fürstlicher Wohntrakt zu erreichen. Übrigens sollen Arsen zu Napoleons Tod geführt haben, da er sich zu oft in Räumen mit derartige Tapeten aufgehalten haben soll. Sagte man uns bei der Führung. 

 

Der Deutsche RLucklum, Rittersaalitterorden(1), sein Hauptanliegen war und ist die christliche Nächstenliebe, wurde 1190 im „Heiligen Lande“ gegründet, wandte sich später dem Protestantismus zu, und wurde 1809 aufgelöst. 1834 wurde der Orden von Wien aus wieder ins Leben gerufen. 1962 bestanden ca. 30 Niederlassungen in Deutschland. Damaliges Ordenskleid: Weißer Mantel mit schwarzem Kreuz, die späteren preußischen Landesfarben.

 Wappen des Deutschen Ritterordens

Und noch eine Anmerkung: Die Lindenallee (von der Straße Braunschweig / Schöppenstedt Richtung Kirche verlaufend) wurde 1786 angelegt. Wandeln Sie auf den Spuren der letzten Ritter!

 

Und hier ein Tipp: Anlässlich des alljährlichen „Tages des offenen Denkmals“ sind die Kirche und der Rittersaal zu besichtigen. Und wenn Sie Glück haben, können Sie auch ein Orgelkonzert an diesem Tag genießen!

 

 

 

Eingang zum "Kerzenmacher"

Im Vordergrund der Eingang zur Töpferei. Am anderen Ende der Hausfront befindet sich der Zugang zum "Kerzenmacher".Lucklum zu verlassen, ohne dort Herrn Werner Mühlenberg, den "Snakeman of Brunswick" besucht zu haben, ist schon fast ein Vergehen. Am Ortseingang fällt uns auf der linken Seite sofort die Töpferei mit ihren zahlreichen und kaufenswerten Angeboten ins Auge.

 

 

Doch nur wenige Meter weiter, am anderen Ende des alten Fachwerkhauses, führt durch eine schmale Tür der Weg in die Werkstatt und den kleinen Verkaufsraum eines Kerzenmachers der besonderen Art.

 

 

Hier entdecken wir Kerzen, die wahrscheinlich und hoffentlich niemals ihrer Bestimmung zugeführt werden. Denn allesamt sind Kunstwerke. Es gibt nur wenige Tierarten, die Herr Mühlenberg nicht aus Wachs geschaffen und dann in "Banausenart" -es tat uns schon weh- mit einem Docht versehen hat.

 

Mit einem gezähnten Spachtel werden die aufgetragenen Farbschichten freigelegt, so dass sich die typische Struktur der Schlangenhaut ergibt. Der beiliegende schmale Streifen bildet das Innenleben der Schlange.

Am auffälligsten sind die zahlreichen Schlangen. Große undDas erwärmte, von Herrn Mühlenberg für mehrere Schlangen in einzelne Streifen geschnittene Wachs wird mit unterschiedlichen Farbschichten versehen. kleine, schlichte und farbige, alle einer natürlichen zum Verwechseln ähnlich. Und wer Glück hat, kann Herrn Mühlenberg, so wie wir, bei der Arbeit über die Schultern schauen und die "Geburt" unserer (siehe unten) Schlange miterleben.

 

 

Und es verwundert nicht, dass der Snakeman seine Kunstwerke in alle Welt verkauft und sich somit als Künstler einen hervorragenden Ruf erworben hat.

 

 

Übrigens erworben; natürlich freut sich Herr Mühlenberg ganz besonders, wenn Besucher nicht nur seine Werke bewundern sondern auch erwerben.

 

Und das zu keineswegs überzogenen Preisen. Denn schließlich ist diese hohe Kunst der Kerzenmacherei sein "Broterwerb"

Hier wird die Haut um den schmalen Streifen gelegt. Anschließend wird der Schlangenkörper auf die richtige Länge und Stärke gebracht, der Kopf geformt und mit Augen versehen.

 

Der letzte Schritt ist die geschickte Formgebung. Unsere Schlange ist fertig und beobachtet jetzt misstrauisch alle Gäste unseres Hauses.

 

Und hier rekelt sich unsere Schlange, auf den Docht haben wir verzichtet, auf der Anrichte in unserem Wohnzimmer. Im Gegensatz zu den wirklichen Schlangen sollte man sie jedoch nicht allzu großer Wärme aussetzen.

 

 

 

Noch mehr über die Vielfalt der Produkte erfahren Sie  unter http://www.snakemanofbrunswick.de/.

 

 

 

 

(1) Deutscher Ritterorden

Religiöser Zusammenschluss von Kriegern im Zuge der Kreuzzugsbewegung des 11./12. Jh. zur Bekämpfung der Glaubensfeinde; bedeutende Ritterorden waren der Templerorden, der Johanniterorden (Malteser), der Deutsche Ritterorden und der Schwertbrüderorden.

(2) Wehrturm

Wehrkirche,  ein zur Verteidigung eingerichtetes Gotteshaus mit einem Chorturm als wehrhaftem Kern; wurde nicht selten zur Kirchenburg (Kirchenkastell) mit Wehrgang und Zwinger sowie Bauten zur Vorratshaltung ausgebaut.

(3) Alabaster

Marmorähnliche, feinkörnige, reinweiße, durchscheinende Art des Gipses.

(4) Kruzifix

Die plastische Darstellung des gekreuzigten Christus, meist Skulpturen aus Holz; auch gemalte Darstellungen.

(5) Empore

In der kirchlichen Baukunst über den Seitenschiffen gelegenes, zum Kirchenraum geöffnetes galerieartiges Obergeschoss.

(6) Barock

Kunststil von etwa 1600 bis 1750 in Europa, charakterisiert durch Formenreichtum und üppige Verzierungen.

 

 

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